Integrative Pädiatrie in der Schweiz
Integrative Medizin beschreibt einen patientenzentrierten, beziehungsbasierten und ressourcenorientierten Ansatz, der alle geeigneten therapeutischen, präventiven und gesundheitsfördernden Methoden der konventionellen und komplementären Medizin nutzt, um Gesundheit, Heilung und Entwicklung gemäss den individuellen Bedingungen bestmöglich zu unterstützen. Dabei spielt ein pluralistisches und multiprofessionelles Versorgungssystem ebenso eine Rolle wie die Ergänzung der pathogenetischen Sichtweise durch eine salutogenetische Perspektive. Im Zentrum steht das Bestreben, die Rolle des aktiven und zur Selbstfürsorge fähigen Patienten zu stärken sowie seine persönlichen Gesundheits- und Heilungskompetenzen zu fördern(1-3).
In der Kinder- und Jugendmedizin betrifft die integrative Medizin (= integrative Pädiatrie) alle Bereiche von der Grundversorgung bis in die hochspezialisierte Medizin(4). Ein Blick in die Schweizer Pädiatrie-Landschaft zeigt über die letzten Jahre ein wachsendes Interesse und ein zunehmend offenes Bekenntnis für die integrative Pädiatrie. Nicht, dass damit etwas ganz Neues Einzug hält. Die Integration sogenannt komplementärer Therapieverfahren gab es schon immer und ist für viele Kinderärzt:innen bewährte Praxis. Doch trägt gerade die zunehmende Forschung auf dem Gebiet zu einer wachsenden Verbreitung und Anerkennung der komplementären und integrativen Medizin bei. Auch erleben viele Kolleg:innen in ihrer klinischen Tätigkeit Grenzen der konventionellen Medizin und suchen darum aktiv nach Wegen, ihre Behandlungsmöglichkeiten zu erweitern und zu differenzieren (5,6).
Darüber hinaus öffnet die integrative Medizin weiterführende Perspektiven auf die Grundfragen nach Gesundheit, Krankheit, Heilung, Prävention, Lebensstil, etc. und damit letztlich auch auf die Frage nach der Individualität des Menschen – sowohl für den:die Patient:innen als auch für die Gesundheitsfachperson(3). Die integrative Medizin bietet so einen wichtigen Ansatz für die notwendige Rehumanisierung des Gesundheitssystems(7). Vielen komplementärmedizinischen Methoden liegen ganzheitliche Konzepte und ein umfassendes Menschenbild zugrunde, das den Menschen als körperlich-seelisch-geistiges Wesen beschreibt. Viele Kolleg:innen finden gerade in diesen ganzheitlichen Konzepten eine Motivations- und Inspirationsquelle für ihre ärztliche Tätigkeit – und damit auch einen Grund, ihrem Beruf treu zu bleiben. Auf diese Weise leistet die integrative Medizin auch einen nachhaltigen Beitrag für das Gesundheitssystem als Ganzes.
Seit 2017 hat pädiatrie schweiz als erste ärztliche Fachgesellschaft der Schweiz eine eigene Interessengruppe für integrative Pädiatrie (SIGIP, www.sigip.org)(1). Das vorliegende Themenheft der Paediatrica kam auf Einladung der Redaktion zustande und wurde von der SIGIP koordiniert. Die Artikel möchten unter anderem die praktische Seite der integrativen Pädiatrie aufzeigen und anhand von konkreten Beispielen Antworten auf oft gestellte Fragen nach komplementären Therapieoptionen geben. Dabei wird auch auf die existierende Forschung in der Komplementärmedizin hingewiesen – natürlich müsste hier noch mehr getan werden.
Gegenwärtig sind die Themen der komplementären und integrativen Medizin noch kein obligater Teil der Facharzt-Weiterbildungen, obwohl Haus- und Kinderärzt:innen diesen Themen täglich begegnen. Grundkenntnisse zu Chancen, Grenzen und Risiken komplementärmedizinischer Verfahren sind für die Beratung von Familien heute unverzichtbar.
Zum Erwerb fachspezifischer therapeutischer Kompetenzen existieren vielfältige Angebote an Kursen und Fortbildungen in allen Richtungen der Komplementärmedizin sowie die Weiterbildungsprogramme der komplementärmedizinischen Fähigkeitsausweise des SIWF(8).
Für ein nachhaltiges und menschengemässes Gesundheitssystem ist der Vision der integrativen Medizin eine noch grössere Verbreitung zu wünschen. Dieses Themenheft möchte dazu beitragen.
Referenzen
- Huber BM, Ogal M, Müller E, von Schoen-Angerer T. Für einen integrativen Ansatz in der Pädiatrie. Schweizerische Ärztezeitung 2024;105(29-32). https://doi.org/10.4414/saez.2024.1536071405
- Esch T, Brinkhaus B. Neue Definitionen der Integrativen Medizin: Alter Wein in neuen Schläuchen? Complement Med Res. 2020;27:67-69. doi: 10.1159/000506224.
- Rakel D, Weil A. Philosophy of integrative medicine. In: Rakel D (ed.). Integrative Medicine, 4th edition. Oxford, Elsevier; 2017. pp. 2-11.
- Huber BM, Rodondi PY, Wildhaber J. La pédiatrie intégrative fait partie intégrante des soins pédiatrique en Suisse. Rev Med Suisse. 2020;16(716):2289-2292.
- Huber BM, von Schoen-Angerer T, Hasselmann O, Wildhaber J, et al. Swiss pediatrician survey on complementary medicine. Swiss Med Wkly. 2019;149:w20091. doi: 10.4414/smw.2019.20091.
- Huber BM, Rodondi PY. Interest and need for continuing medical education in pediatric complementary and integrative medicine: a cross-sectional survey from Switzerland. BMC Complement Med Ther. 2022;22(1):106. doi: 10.1186/s12906-022-03581-6.
- Locke A. Using the values of integrative medicine to create the future healthcare. Glob Adv Integr Med Health. 2024 May 14;13:27536130241253607. doi: 10.1177/27536130241253607.
- Schweizerische Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) [Internet]. Fähigkeitsausweise. Verfügbar unter: https://www.siwf.ch/weiterbildung/faehigkeitsausweise.cfm